Nach mehr als 100 Jahren “Grober Gottlieb” läßt das Stadtmagazin BLITZ! im Jahr 1998 die Geschichte der Gaststätte Revue passieren. Von der Eröffnung, über die wechselvolle Geschichte in der DDR bis zur Neueröffnung erfahren Sie hier, daß Tradition und Gastlichkeit verschiedene Gesichter haben kann.
“Am 20. September 1996 eröffnete in der Großen Märkerstraße 20 eine Restauration, die an alte Traditionen und an einen alten Namen anzuknüpfen versucht. Urkundlich wurde das großflächige Eckgrundstück erstmals im Jahre 1310 erwähnt. Obwohl viele berühmte Leute, die auch maßgeblich die Stadtgeschichte prägten wie z.B. Otto Wogau, Caspar Neefe und Gebhard Kraut, in diesem Haus lebten, begann die gastronomische Geschichte des Hauses erst 1768. In jenem Jahr erwarb ein gewisser Christian Adam Leonhardt das Anwesen. Er betrieb bis dahin am Markt den Gasthof “Goldener Ring”. Den verlegte er in die Große Märkerstraße und eröffnete unter dem Namen “Zum blauen Engel” neu.
Die Gastgerechtigkeit kaufte er sich für die auch damals sehr hohe Summe von 100 Taler. Der “Blaue Engel” war bals stadtbekannt. Mit dem Tod von Leonhardt 1784 ging das Haus in den Besitz von Professor J. C. Woltär über, der als Sohn eines Pfarrers erst einmal die Wirtschaft schloß und die Gasträume in einen Hörsaal umwandelte. Bis 1815 dauerte dieses Intermezzo, doch dann setzte sich (nach dem Tode Woltärs) die Gaststättentradition des Gemäuers durch. Der “Blaue Engel” wurde wieder eröffnet und bis zum Abriß des Hauses im Jahr 1887 erfolgreich unter wechselnden Besitzern betrieben. [...]
Zur Jahreswende 1896 übernahm der Wirt Johann Carl Emerich Neumann den “Engel” und eröffnete diesen unter dem Namen “Zum groben Gottlieb”. In ihrer Eröffnungskritik vermeldete die Saale-Zeitung: ‘Die Ausstattung des Lokales ist ganz eigenartig. Die Wände sind mit Darstellungen aus dem Bauernleben von dem hiesigen Maler Otto Rötzscher in flotter humorvoller Weiße bemalt, Wäscheleinen mit Wäschestücken schweben in der Luft, Waschtoilette etc. ist in der primitivsten Weise hergerichtet, so daß man sich wohl in eine alte Bauernschänke versetzt fühlen kann …’ Allerdings kamen die Grobheiten und die rustikale Art des Wirtes auf die Dauer bei den Hallensern nicht an, so daß der “Grobe Gottlieb” bald darauf wieder schließen mußte. Anfang der 30er Jahre begann mit der Eröffnung eines Spezialausschankes der Marke “Tucherbräu” eine Ära, die alten Hallensern heute noch für solide Restauration in Erinnerung ist. Nach Quasiverstaatlichung 1956 mochte sich aber auch die HO nicht so schnell von diesem klangvollen Namen trennen und eröffnete als “HO-Gaststätte Tucherbräu”. Aber der alte Stil war dahin und somit überlegten sich die Verantwortlichen, 1961 unter dem Namen “Skat-Klause Herz-As” neu zu beginnen.
Da für die mittlerweile geschlossene Restauration “Goldene Rose” ein bürgerlicher Ersatz gesucht wurde, eröffnete die HO 1970 dann doch wieder das “Tucherbräu”. Als dann 1983 die Gaststätte ein Objekt der Bauarbeiterversorgung wurde, schien das Schicksal schon besiegelt. Da half auch keine erneute Rekonstruktion und abermalige Neueröffnung 1985 unter dem Namen “Tucherbräu”. Mit der Wende 1989 kam das Aus.
Nun soll die rustikale Tradition fortgesetzt werden. Die Speisen sind preiswert, aber nicht billig! Hoffentlich haben die heutigen “groben Gottliebe” ein glücklicheres Händchen als ihr Vorbild.”
BLITZ! Stadtmagazin, Ausg. 2, 1998
Text: Dr. Sven Lychatz

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